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Mit Händen und Füßen –

13. Juli 2017

Sind Gesten die evolutionären Vorläufer der menschlichen Sprache?

Um der Frage auf den Grund zu gehen, ob Gesten ein evolutionärer Vorläufer der menschlichen Sprache sind, hat Simone Pika vom Max-Planck-Institut für Ornithologie die Kommunikation von Menschenaffen, Rabenvögeln und Babys verglichen. Die 43-jährige Forscherin leitet die Humboldt-Forschungsgruppe Evolution von Kommunikation und widmet sich in erster Linie der Frage, wie die menschliche Sprache eigentlich entstanden ist.

Pika hält die Theorie, dass die Vorfahren des Menschen zunächst über Gesten kommunizierten, ehe sie eine Sprache entwickelten, für unwahrscheinlich. Gesten würden eher in Situationen verwendet, in denen die kommunizierenden Individuen entspannt seien und darüber hinaus die Möglichkeit hätten, (Blick-)Kontakt zueinander aufzunehmen. Dies sei jedoch nicht gegeben, wenn ein Lebewesen beispielsweise versuche, einen Artgenossen über eine größere Distanz hinweg vor einem Angreifer zu warnen. Pika und andere Forscher nehmen daher an, dass Sprache bzw. Lautäußerungen und Gesten parallel entstanden sind.

Dass sich Menschenaffen untereinander über Gesten verständigen, steht neuesten Forschungen zufolge außer Frage. Aber einige Gesten, wie z. B. Zeigegesten, werden auch von anderen Spezies, wie etwa unterschiedlichen Vogelarten, verwendet. Kolkraben benutzen hierfür sogar Objekte aus ihrer Umgebung, die sie – anders als Schimpansen – bisweilen sogar ihren Artgenossen anbieten. Menschenaffen verwenden Zeigegesten nur dann, wenn sie die Aufmerksamkeit ihrer Artgenossen auf sich ziehen wollen, nicht aber, um diese über einen Umstand in der Umgebung zu informieren. Die Zeigegesten von Raben und Affen sind vor allem deshalb ein Beweis für die parallele Entwicklung von Gesten und Sprache, weil die beiden Spezies sich ihr Verhalten nicht von einem gemeinsamen Vorfahren hätten abschauen können.

Menschen geben von Geburt an Laute von sich; gleichzeitig kommunizieren Menschenbabys aber auch über Gesten. Erst Laute, dann Gesten und schließlich die ersten fünf Wörter – Gesten helfen Menschenkindern dabei, Sprache zu lernen. Auch im Erwachsenenalter helfen uns Gesten dabei, unsere Sprache und damit unsere Absichten zu verdeutlichen – sowohl für uns selbst als auch für andere. Durch Gesten strukturieren wir unsere Gedanken: Je komplexer ein Sachverhalt ist, desto häufiger kommen Gesten zum Einsatz. Pika fand heraus, dass bilinguale Menschen, in ihrer Zweitsprache mehr gestikulieren als in ihrer Muttersprache, vor allem wenn sie diese deutlich besser beherrschen. Wenn sie aber eine Zweitsprache lernen, die kulturell bedingt sehr gestenreich ist, verwendeten sie infolgedessen auch in ihrer Muttersprache mehr Gesten. Die russische Forscherin Nadeschda Ladygina-Kohts fand zudem heraus, dass die Gestik – und auch die Mimik – von Menschenkindern denen von Schimpansenkindern signifikant ähnelt.

Wissenschaftlern gelang es, dem Gorilla Koko und dem Orang-Utan Chantek die Gebärdensprache beizubringen. Neue Wortschöpfungen aus dem Grundvokabular haben die Tiere jedoch nur selten entwickelt. Auffällig ist auch, dass sich die Kommunikation der Affen ausschließlich um das Hier-und-Jetzt dreht und nicht über vergangene Erfahrungen. Ein Vergleich zwischen den Lautäußerungen und Gesten von Menschenaffen und Menschen ist daher wenig hilfreich, um die Entstehung der menschlichen Sprache zu erklären. Die Fähigkeit von Vögeln, menschliche und andere Laute zu imitieren und neu zu kombinieren, kommt der Komplexität der menschlichen Sprache schon etwas näher. Allerdings unterscheiden sich die Laute von Vögeln insofern von der menschlichen Kommunikation, als sie in erster Linie dazu dienen, Neuigkeiten anzukündigen, was wiederum der menschlichen Reflexionstendenz nicht gerecht wird. Die Sprachentwicklung von Bonobos ähnelt der menschlichen Entwicklung von Sprache deutlich mehr als die der Schimpansen. Hier erreichen Botschaften, wie z. B. das Ausstrecken des Armes einer Mutter gegenüber ihrem Baby, den Adressaten bereits vor Beendigung der Kommunikationsausführung. Bonobos haben also die Fähigkeit zur Antizipation. Diese konnte auch neurobiologisch bestätigt werden: Die Hirnregionen, die für Empathie zuständig sind, sind bei den Bonobos stärker ausgeprägt als bei Schimpansen.

Trotz der Parallelen zwischen der Kommunikation der Bonobos und der menschlichen Kommunikation kommt Pika zu dem Schluss, dass dieser Vergleich im Endeffekt nicht viel über die Entstehung der menschlichen Sprache verrät. Gesten sind nicht nur Bestandteil des menschlichen Kommunikationssystems, sondern auch des Kommunikationssystems anderer Spezies und entwickeln sich – nicht zuletzt aus Überlebensgründen – parallel zu Sprache bzw. Lauten. Demnach kann also nicht ohne Weiteres gesagt werden, dass Gesten die Vorläufer der menschlichen Sprache sind. Sprache basiert auf anatomischen Eigenschaften und kognitiven Fähigkeiten, die dem Menschen bereits vor der Entwicklung seiner Sprache innewohnen. Eine zentrale Voraussetzung für die Entstehung und Weiterentwicklung von Sprache ist dabei die interaktive Intelligenz, die Fähigkeit, mit anderen Lebewesen kommunikativ in Austausch zu treten. Was den Menschen dabei signifikant von Affen und Vögeln unterscheidet, ist die Fähigkeit, auch über Vergangenes und Abstraktes zu kommunizieren und diese Informationen darüber hinaus auch noch schriftlich festzuhalten. Die aktuelle Anatomie des Affenkehlkopfes und die entsprechenden Nervenverbindungen mit der Zunge lassen die Bildung komplexer Laute und/oder Wörter auch gar nicht erst zu, auch wenn einige Filmproduzenten in der Hinsicht derzeit etwas zuversichtlicher sind.

Quelle: Pietschmann, Catarina. Ohne Worte. In: Max Planck Forschung. Das Wissenschaftsmagazin der Max-Planck-Gesellschaft. 1. Ausgabe. 2016. Seite 18-25.

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